| China klaut
Technologie, verpestet die Umwelt und verletzt die
Menschenrechte. Das ist eine gängige Sicht auf
China. Aber welches Bild haben die Chinesen von uns?
Professor Mei Zhaorong studierte in der DDR
Germanistik und vertrat China in Deutschland von
1988 bis 1997 als Botschafter. Im Interview mit
tagesschau.de erklärt er, dass Deutschland zwar ein
wichtiger Handelspartner sei, aber aus chinesischer
Sicht auch Schwächen hat. |
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tagesschau.de:
Deutschland hat eine hohe Arbeitslosigkeit. Die Schuld daran
wird gerne den Billiglohnländern wie China gegeben. Haben
Sie ein schlechtes Gewissen?
Mei Zhaorong:
Überhaupt nicht. Es ist verkehrt zu sagen, dass China daran
schuld sei. Es ist richtig, dass viele deutsche Firmen in
China investieren. Manche haben ihre Produktionsstätten
verlagert, weil die Kosten in China niedriger sind. Es ist
das Streben der deutschen Unternehmer, größere Gewinne zu
erzielen. Das ist uns natürlich auch willkommen, weil wir
gerne Auslandskapital anziehen. Aber das ist für beide
Seiten vorteilhaft. Übrigens ist das auch eine Folge der
Globalisierung, der internationalen Zusammenarbeit, für die
sich Deutschland doch immer eingesetzt hat.
tagesschau.de:
Ist Deutschland ein schlechter Verlierer, wenn es jetzt nach
Schutz ruft?
Mei Zhaorong:
Wir importierten 2006 insgesamt Waren im Wert von 800
Milliarden Dollar und sichern damit etwa zehn Millionen
Arbeitsplätze. Die Unternehmen, die in China
Produktionsstätten haben, haben bisher 2800 Milliarden
Dollar als Gewinn aus China transferiert. Dieses Geld kann
in Deutschland und den anderen Ländern durch irgendeinen
politischen Mechanismus ihrer Regierung auch an diejenigen
verteilt werden, die darunter gelitten haben. Sie sind der
Urheber für die Globalisierung und müssen natürlich auch die
Folgen tragen. Wir wollen weiter mit ihnen zusammenarbeiten.
Das ist nicht nur von Vorteil für China, sondern auch für
sie selbst.
tagesschau.de:
Was müssten Deutsche lernen, um China besser zu verstehen?
Sie hatten an anderer Stelle schon einmal angemerkt, dass
beispielsweise Bundeskanzlerin Merkel China noch nicht gut
genug kenne.
Mei Zhaorong:
Es gibt bei uns in China ein Sprichwort: Wenn man die
Materie nicht kennt, soll man nicht darüber reden.
tagesschau.de:
Also soll Frau Merkel nicht über China reden?
Mei Zhaorong:
Nein, das meine ich nicht. Das bezieht sich nicht speziell
auf die Bundeskanzlerin. Sinngemäß soll es bedeuten, wenn
man wirklich über China ein Urteil fällen will, dann muss
man zuerst China kennenlernen. Es wäre verkehrt, von oben
herab zu sehen oder nur europäische Maßstäbe an die
chinesische Entwicklung anzulegen. China hat eine ganz
andere Vergangenheit und ein ganz anderes
Entwicklungsniveau, deshalb kann man nicht den europäischen
Maßstab anlegen.
tagesschau.de:
Wo fühlen Sie sich denn falsch verstanden?
Mei Zhaorong:
Wenn man hier über die Menschenrechte in China spricht oder
wenn die Presse sagt, die Chinesen stehlen Technologie und
Arbeitsplätze, so ist das falsch. Das kann zu sehr negativen
Folgen, sogar zu Konflikten führen.
tagesschau.de:
Es kehren immer wieder deutsche Unternehmer aus China zurück
und sagen, die Chinesen kopieren ganze Firmen. Wo kann da
das Verständnis ansetzen?
Mei Zhaorong:
Dass man von anderen Ländern lernt und weiterentwickelt, ist
normal. Es gibt auch deutsche Firmen, die sich als Urheber
chinesischer Produkte registrieren lassen. Das ist mehr als
Piraterie. Es geht dabei auch um eine Mentalitätsfrage. Wir
Chinesen neigen dazu, miteinander zu diskutieren, um
Probleme zu lösen. Aber wir werden es nicht in der Zeitung
groß schreiben und in dem Sinne die Bevölkerung
beeinflussen, dass die Deutschen schlecht wären. Das ist
nicht unser Stil. Manchmal habe ich den Eindruck, manche
Europäer sitzen auf einem hohen Ross und versuchen, mit dem
Finger auf andere zu zeigen. Man soll etwas bescheidener
sein.
tagesschau.de:
Was finden Sie in Deutschland vorbildlich?
Mei Zhaorong:
Wir Chinesen sagen immer, die Deutschen arbeiten fleißig,
sind korrekt und genau. Das sind die Vorzüge des deutschen
Charakters. Aber auf der anderen Seite, sagt man, die
Deutschen sind ein bisschen arrogant und manchmal nicht
flexibel genug, manchmal zu starr.
tagesschau.de:
In Deutschland gibt es eine latente Angst vor China, weil es
groß, stark und vielleicht unbeherrschbar wird. Ist die
Angst berechtigt?
Mei Zhaorong:
Wenn Sie sagen, Sie haben Angst vor China: wovor? Sie müssen
Fakten bringen, begründen, warum. Wenn China arm und
rückständig geblieben wäre, dann wäre das eine Katastrophe,
nicht nur für China. Es würde Millionen Flüchtlinge geben.
Wir haben eine stabile Entwicklung, mit der die Bevölkerung
zufrieden ist und wir gehen einem friedlichen Aufbau nach.
Das ist ein Segen für die Welt. Soll China immer
zurückbleiben? Europa ist stark. Ist Europa deshalb eine
Bedrohung für China? Sie müssen auch in unsere Schuhe
steigen. Wenn Sie sagen, Chinas Aufstieg ist eine Gefahr,
wenn Sie in dieser Logik denken, dann müsste die größte
Gefahr aus den USA kommen und an zweiter Stelle aus Europa,
weil sie entwickelt und stark sind. Diese Logik geht nicht
auf.